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Kristina Lovaas
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Siyi Li, Joseph Clarke
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Kristina Lovaas, Joseph Clarke
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Siyi Li
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Rahel Goetsch
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Julian Ernst
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Swan Lee
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Joschua Arnaut, Swan Lee, Siyi Li
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Borsos Lörinc
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Máté Elod Janky, Borsos Lörinc
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Kristina Lovaas
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Joschua Arnaut
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Malte Möller, Siyi Li
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Alexander Mourant
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Alexander Mourant
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Vorne: Jakob Francisco, Hinten: Siyi Li, Joschua Arnaut, Dominika Bednarsky
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Kristina Lovaas

+1

Netzwerken stellt bekanntlich einen essentiellen Bestandteil im Arbeitsalltag vieler Künstler:innen dar. Das Herstellen und Pflegen von Beziehungen erfüllt geradezu strategischen Sinn und Zweck, wenn im persönlichen Gespräch auf das eigene Schaffen aufmerksam gemacht wird, während sich die Praxis des Gegenübers gleichermaßen kennenlernen lässt. Dieser Vorgang wird trotz seines Mehrwerts oft als lästig und Kräfte zehrend empfunden. Dabei ebnen Begegnungen mit Kunstschaffenden außerhalb der eigenen Bubble nicht nur den Weg für Kollaborationen, sie bieten auch einen fruchtbaren Nährboden für die künstlerische Weiterentwicklung. Dieser Ausgangslage nimmt sich +1 an – eine Gruppenausstellung, die auf spielerische Art ein Netzwerk generiert und dabei 15 Positionen in die neuen Räumlichkeiten des TOR Art Space einlädt.

Für die Zusammenstellung der Künstler:innenliste findet das titelgebende +1 methodische Anwendung. In der Event- und Clubkultur wird mit dem Kürzel ein anonymer Platz auf einer personalisierten Gäst:innenliste hinzuaddiert. Im Falle der Ausstellung reiht sich die Addition der Eins gleich zweifach hintereinander. Am Anfang stehen fünf Künstler:innen aus Offenbach – die Initiator:innen des Projekts. Sie laden im ersten Schritt jeweils eine weitere Position als persönliches +1 ein, wobei diese Anfragen wiederum +1-Plätze enthalten. Die zweite Einladungsrunde erweitert die Gruppe somit abermalig um einen heterogenen Zuwachs. Das kuratorische Konzept gestaltet sich auf diese Weise als Experiment, über dessen Ergebnis anfangs nur Vermutungen angestellt werden konnten. Es zeugt von Vertrauen und lebt von der Freude an neuen Begegnungen.

Anfänglich als Zahl gekennzeichnet, bleiben diejenigen hinter den addierten Einsen jedoch keineswegs auf ein Dasein als Zusatz oder Anhängsel reduziert. Denn letztlich stehen die künstlerischen Ausdrucksformen aller Beteiligten gleichwertig im Ausstellungsraum. Bewusst verzichtet die Ausstellung darauf, die Werke unter einem gemeinsamen Nenner zu subsumieren. Der Diversität wird freien Lauf gegeben, die kuratorische Autor:innenschaft auf die Beteiligten aufgeteilt. Mit neuen oder bereits an anderen Orten gezeigten Arbeiten stellen sich die Künstler:innen dem Publikum wie auch einander vor. So begegnen sich überdimensionale Zahnbürsten und geflügelte Kostüme aus einem Kurzfilm. Fellteppiche aus Keramik treffen auf einbetonierte Glasscherben, collagierte Verpackungsmaterialien auf gemaltes Feuer. Die Ausstellung liefert einen Querschnitt aktueller Kunstproduktion – von Textilarbeit und Videokunst bis hin zu Porträtzeichnung und Rauminstallation. Hier und da mögen Ähnlichkeiten in der Formensprache oder den Themenfeldern vorzufinden sein. Fragestellungen, denen sich Kunstschaffende heutzutage annehmen, überschneiden sich in der Ausstellung mitunter aufgrund der dreigliedrigen +1-Ketten, die auf geteilte Interessen verweisen.

In der Regel ist für die Wahl einer Begleitung ein enges zwischenmenschliches Verhältnis ausschlaggebend – sei es Freundschaft oder Kollegialität. In +1 ist die Vergabe der freien Plätze in einigen Fällen jedoch vom Wunsch des Kennenlernens angetrieben. Denn viele Einladungen gehen über den bisherigen Bekanntschaftskreis hinaus und erreichen Künstler:innen aufgrund einer besonderen Wertschätzung ihres Schaffens, das von Ausstellungsbesuchen oder aus dem digitalen Raum bekannt ist. Nun knüpft das ausgeworfene Netz neue Knotenpunkte fernab des bereits erschlossenen Radius. So finden Künstler:innen aus der Rhein-Main-Region erstmalig zusammen – das lokale Beziehungsgeflecht zwischen Mainz, Offenbach und Frankfurt wird folglich gestärkt. Gleichzeitig eröffnet die Ausstellung wechselseitige Anschlussmöglichkeiten ins In- und Ausland. Berlin, Budapest und London sind als Wohn- und Arbeitsorte vertreten.

Auch wenn sich nachhaltige Verbindungen schöpfen lassen, ist die angewendete +1-Formel nicht bloß zu romantisieren. Wer dem Kreis derjenigen angehört, die eine selbst gewählte Begleitung hinzufügen dürfen, steht immer in einer Machtposition. Die Selektion ist ein Prozess des Ausschlusses und bedarf verantwortungsvollem Handeln. Im Clubkontext ist die Möglichkeit des mühelosen Zugangs ohne Abweisung an der Tür heiß begehrt. In exklusive Bereiche vorzudringen, die anderen verschlossen bleiben, stellt oftmals ein schwieriges Unterfangen dar. Diesem Spannungsfeld sind sich die Teilnehmer:innen von +1 bewusst: Die Nützlichkeit des Projekts wird nicht verleugnet, doch spielt Kalkül keine Hauptrolle. Mit der Geste des anonymen Einladens zelebriert die Ausstellung vielmehr die Offenheit und das solidarische Miteinander der artist community.

Anderenorts erfüllt die +1-Formel rein marketingstrategische Zwecke. So wirbt ein Fitnessstudio: „Mit einem Premium Tarif darfst du jedes Wochenende so oft du möchtest mit einem Freund trainieren.“ Dass sich die Begleitperson nach ihrem Erstaufenthalt möglicherweise dazu entschließt, dem Club beizutreten, macht erkennbar, wie dessen Mitglieder zur Mitarbeit akquiriert werden. Sie unterstützen bei Befolgen des exklusiven Angebots die Vergrößerung der Unternehmensreichweite und locken neue Kund:innen an. Die Räume des TOR Art Space beherbergten vor ihrer Aktivierung als Kunstort selbst ein Fitnesscenter. Während dort das Fit Halten und Formen des eigenen Körpers im Vordergrund stand, wandelt sich der Raum nun zu einem Ort der gedanklichen Anstöße, der ästhetischen Erfahrung und der zwischenmenschlichen Begegnung. Mit +1 hätte der Start wohl kaum passender sein können.

Philipp Lange